Gestaltleben

GestaltLeben – ein Experiment

Seit 2002 findet einmal pro Jahr ein mehrtägiges Treffen von GestalttherapeutInnen in Eigenregie statt. Wir haben es GestaltLeben genannt. Ursprünglich hatte Martin Goldstein bei einem Lehrtherapeuten-Treffen des IGW in Würzburg (2001) im Kollegenkreis angeregt, sich nicht nur fachlich auszutauschen, sondern im Anschluss an das jährliche Treffen gemeinsam in eine Art “Gestalt-Klausur” zu gehen und sich persönlich aufeinander einzulassen.

Dieses Projekt hat sich inzwischen vom IGW völlig abgekoppelt und findet wiederkehrend seit vielen Jahren im “Tonhaus” in Melpert/Rhön (dezentral) statt. Mittlerweile hat sich eine recht stabile Gruppe von sechs GestalttherapeutInnen zusammengefunden, die einmal im Jahr für knapp vier Tage zusammenkommen, um sich im Rahmen einer Gestalt-Entwicklungsumgebung zu begegnen.

Aus der Anfangszeit liegen ein paar authentische Erfahrungsberichte vor.

Darüberhinaus haben wir uns bemüht, einen kurzen theoretischen Rahmen zu skizzieren, in dem sich das Ganze abspielt.

Gestalt-Leben: Ein Experiment zur De-Instrumentalisierung der Gestalttherapie
Theoretischer Exkurs zu „Gestalt-Leben“.

Wie auf den ersten Seiten des Ur-Gestalttherapie-Buches „Gestalttherapie“ von E. und M. Polster zu lesen ist, soll Gestalttherapie zunächst angewendet werden, um psychisch stabilen Menschen zu weiterem psychischen Wachstum zu verhelfen.
Dieser Ursprung besagt, daß es in der Gestalttherapie keinen Krankheitsbegriff gab, bzw. es nicht um Krankheit oder Heilung gehen sollte, sondern um persönliches psychisches, soziales und (PAUL GOODMAN) politisches Wachstum.
Heutige Erfahrungen und wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse lassen vermuten, daß, wenn man die menschliche Psyche auf die Hirnleistung bezieht, diese eine derartigen Umfang hat, daß sie gar nicht ausgeschöpft werden kann. Wie aber ist ein psychisches Wachsen zum Stillstand gekommen? Wir finden eine beträchtliche Anzahl von Begriffen, die das in etwa beschreiben wollen: Verstrickungen, Hemmungen, Blockierungen, Introjekte, Komplexe, Kompromiß-Bildungen. In der Sprache der Psychoanalyse sind es vor allem die Abwehr-Reaktionen. Diese bilden dann Begrenzungen, die dem Menschen unbewußt sind und seine Erlebnisfähigkeit und Reaktionsmöglichkeiten einschränken. In der Sprache des Hirnforschers: (GERALD HÜTHER) „Seine Hirnleistung wurde durch Mißprägungen besetzt.“ An diesen Stellen vermag er dann nicht mehr zu wachsen und bleibt auf Wiederholung oder Nachahmung angewiesen.
Nun fokussiert die therapeutische Gestalttherapie präzise und unvermeidlich diese
Wiederholungen und Begrenzungen. Der gestalttherapeutische Impetus geht davon
aus, daß es doch immer noch weitere freie Räume gibt, wenn die Grenzen fallen
oder überschritten werden. Andere Therapieschulen haben dafür unmittelbar den Begriff Ressourcen eingesetzt, die als noch ungenutzte Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Die Ansichten in der Gestalttherapie sind dagegen recht kühn, denn sie achten weniger auf die Hemmung bei Blockaden als mehr auf die Kraft, die in solchen steckt. Die Aufgabe besteht darin, die an Hemmungen gebundene Kraft freizusetzen und an andere, dem Menschen dienliche oder lustvolle Elemente zu binden. Wie diese Arbeit geschieht, soll an dieser Stelle nicht beschrieben werden, diese Kenntnis wird vorausgesetzt. Nur soviel sei gesagt: Es geht immer um das Auflösen der „Angst vor Veränderung, die mehr wäre als Fortschreibung der vertrauten Vergangenheit.“ (SERGE TISSERON)
Die hier dienlich oder lustvoll genannten Elemente, sollten sie durch gestalttherapeutische Arbeit erreicht werden, unterliegen – und das ist der grundlegende Freihheitsgedanke der Gestalttherapie – zunächst keiner moralischen oder gesellschaftlichen Wertung. Plötzlich steht ein Mensch vor einer Fülle von Möglichkeiten (die ihn sehr wohl erschrecken kann) und ist nun auf seine Welt- und Lebenssicht angewiesen, um abzuwägen, welche Möglichkeit er für sich wählen will, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Das genau ist der Moment, wo er etwas wagen muß, denn für das Neue ist in seinem bisherigen Repertoire kein vorbereiteter Platz frei. Das Neue, ebenso faszinierend wie besorgniserregend, ist zunächst (wie) ein Fremdkörper. Vor der Integration entstehen Angst und schwere Bedenken. H. BEAUMONT hat solche Phänomene „Über-lch-Attacken“ genannt. Es gibt dann niemanden, der ihn bestärkt, der Gestalttherapeut erst recht nicht. Für die Kraft oder den Mut oder das Wagnis, dieses Neuentdeckte in sich zu integrieren, ist der Mensch auf sich selbst angewiesen. Seine Möglichkeit liegt darin, seine eigene neue Ordnung zu schaffen. Was ihm bleibt ist die experimentelle Erfahrung, ob es sich für ihn als Organismus, günstig auswirkt. Ohne zu „probieren, wie es schmeckt“ wird er nicht zu einer Entscheidung gelangen. Gestalttherapie sieht in ihm einen Menschen, der mit einem Freiheitskämpfer zu vergleichen ist. Ein Freiheitskämpfer ist überzeugt und bereit, dafür einen Preis zu zahlen.

NELSON MANDELA beschreibt das beispielhaft ganz offen, wie er um des Freiheitskampfes willen sein Familienleben vernachlässigen mußte. Hier wird deutlich, daß das, was wir Wachstum nennen, nicht einfach aus einer Erweiterung im Sinne einer Ergänzung besteht, sondern, exakt wahrgenommen, aus einem Akt des Austauschens.“ (JÖRG SCHLEE)
Darin liegt sehr wohl auch ein politischer bzw. ein evolutionärer Aspekt.
Zweifellos geschieht die übliche therapeutische Gestalttherapie in einem Bereich, der im Negativen liegt, geometrisch beschrieben: unter Null. Das ist das Leiden des Klienten, daß er unter Null lebt. Und wenn er mit Hilfe des therapeutischen Prozesses wächst, so wächst er aus dem negativen Bereich heraus bis in die Nulllinie. Gelangt er bis dahin, schwindet sein Leidensdruck und er ist schließlich von ihm befreit. Mit diesem Ergebnis ist jedoch die Kapazität der Gestalttherapie noch längst nicht voll ausgeschöpft. Leid zu mindern ist sehr wertvoll und zu würdigen. Die Lebensqualität zu erhöhen ist jedoch das ureigene Anliegen von Gestalttherapie. Zurück zur Aussage des Anfangs: Gestalttherapie war ursprünglich gedacht, sich im positiven Bereich zu bewegen, also über der Nulllinie, und dieser Positivbereich ist -geometrisch gesehen- unbegrenzt, sowohl in Höhe als auch in der Breite. Im Rahmen dieser Analogie könnte man mit „Höhe“, die fachliche Kompetenz bezeichnen, und damit befaßt sich die wissenschaftliche gestalttherapeutische Forschung. Betrachten wir als „Breite“ eine Ausweitung oder einen Wandel von Lebensanschauung und Lebensstil über den mainstream des sozialen Kontextes hinaus, dann scheint zur Zeit Gestalttherapie nicht so ergiebig, wie GOODMAN es pointiert hatte.
Aber gerade mit dieser Ausrichtung auf beunruhigende und tabuisierte Fragen haben Gestalttherapeuten in persönlichem Einsatz den hier beschriebenen Erfahrungsweg beschritten.
Die Ausschreibung für 2002 markiert dieses Vorhaben folgendermaßen:


1. Betrachten der eigenen Lebens-Gestalt-Gebung
2. mit wohlwollend liebevoller Begleitung durch kompetente Kollegen
3. Unterstützung von Wandlungsprozessen

Damit sind drei Paradigmen der Gestalttherapie genannt:

  • Mein eigenes Leben: was habe ich übernommen, und was ist von mir selbst erfunden?
  • diesen Prozeß im Kontakt mit Menschen zu erleben, die zunächst einmal vor nichts zurückschrecken und mich wirklich begleiten können, und
  • Ermutigung dazu, etwas zu wagen, wohin ich bisher meinen Fuß noch nicht gesetzt habe: die aktive Teilnahme an Veränderungen. Es wird stetig auf die Stärke und Kraft der jeweiligen Elemente eingegangen, die von vorhandenen Bildern und Wiederholungen gelöst und neubelebten Bedürfnissen für expeditionalen Wagnissen zugeführt werden können. Es wird dies Auge in Auge im direkten Kontakt mit anderen, die meine Reaktion wahrnehmen und deren Reaktionen ich wahrnehme, prozessual erlebt, wobei die Differenzierung zwischen Therapeut und Klient schwindet oder wechselt, und ein Interesse oder eine gleichzeitige Neugier aufkommt, die allen gemeinsam ist, was dazu führt, daß sich die Gruppe wie ein lebendiger Gesamtorganismus fühlt. Dadurch wachsen wie Pseudopodien Ideen, Bedürfnisse und Wünsche in einen bisher leeren Raum hinein und dehnen sich dort aus, so daß sich der Lebensplan, zu dem ich ursprünglich berufen bin, deutlicher entfalten und alle Beteiligten dessen Umrisse genauer sehen können, sozusagen öffentlich.
    Vertraut man diesen Gestalt-Elementen – und es wurde erlebt, daß ein solches Vertrauen wuchs – entsteht eine Wirkung, die als die eines Wachstums-Biotops bezeichnet werden könnte. Die übliche alltägliche Umgebung, in der wir leben, vermag das nicht; sie befindet sich in einer zu starken Isoliertheit.
    Das Experiment unter einem Dach und an mehreren Tagen fortgesetzt, wandelt sich beginnend aus einer Workshop-Struktur zu einer Kultur gemeinsamen Lebens.
    Beispielhaft zeigten das die Träume: die unter einem gemeinsamen Dach und in einer gemeinsamen Zeit geträumte Träume sind nicht mehr nur individuelle Träume; sie verweben sich zu Traumbotschaften an eine Lebens-Gemeinschaft.
    Gestalttherapeuten erlebten und gestalteten aus Gestalt-Elementen einen neuen Lebensstil. Die einmal erwachten Lebens-Elemente lassen sich nicht mehr ganz zur Ruhe bringen. Die geweckte Unruhe läßt uns nicht los, und es liegt an uns, ob wir sie als bedrohlich oder als befreiend auffassen. Da die Gestalttherapeuten, welche dieses Unterfangen gewagt und unternommen haben und die sich dem Geschehen gestalttherapeutischen Vorgehens wie Identifizieren, Konfrontieren und Einfühlen im Hier und Jetzt, in dem sie sich ja bestens auskennen, ausgesetzt haben, und das, weil es wie bei Ich-starken Menschen zu erwarten ist, ziemlich schonungslos praktizieren, nehmen sie sich auch das Recht, diesen lebensfüllenden und unüblichen Vorgang als „Gestalt-Leben“ zu bezeichnen.

Erving u. Mirjam Polster: GESTALTTHERAPIE.
Perls, Hefferline, und Goodmann,
Serge Tisseron: Die Verbotene Tür. Familiengeheimnisse und wie man mit ihnen umgeht. München 1998
Hunter Beaumont, Zitat aus einer Fortbildungsveranstaltungen 1996/7
Gerald Hüther Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn. V&R Göttingen 2001
Nelson Mandela: Der lange Weg zur Freiheit.
Jörg Schlee: Psychologie der Veränderung. Erscheint 2002

© Martin Goldstein und Hardy Dierks

Erlebnisbericht Martin

Meine ergänzenden Erfahrungen aus Gestalt-Leben 2003
Die Unterscheidung zwischen „Alten“, die Gestalt-Leben in 2002 bereits erlebt haben, und den „Neuen“, die zum ersten Mal dabei sind, schwindet schnell. Wir sind fachlich auf gleicher Ebene, ebenso berufs-politisch (alles Lehrtherapeutinnen), und wir können uns sofort über das Vorgehen (Befindlichkeits-Runde, dann Traumarbeit – und der Verpflegungs-Organisation) einigen. Es besteht also von vorneherein ein wirksamer Konsens. Bereits diese Erfahrung ergibt Offenheit, sich zu zeigen. Und sogar noch mehr, nämlich das Bedürfnis, endlich wieder einen freien Vertrauens- und Verständnis- Raum Gleichgesinnter zur Verfügung zu haben, zeigt sich deutlicher. In Worten: hier bin ich geborgen, zugehörig, akzep­tiert und werde vom wohlwollenden Verständnis der Anderen, mit dem ich sicher rechnen kann, sogar noch gelockt und herausgefordert. Trotzdem bleibt, wenn ich mich einbringe, ein Wagnischarakter bestehen: ich weiß ja nicht, wie die vier Anderen auf mich eingehen werden, ob konfrontativ oder unterstützend, ob sie meine Begrenzungen, wenn ich sie wünsche, akzeptieren oder noch eine Herausforderung anbieten werden.
Dies alles passiert dann: ich habe ein, ich habe mehrere therapeutische Gegenüber, die unterschiedlich intervenieren. Und/oder ich habe eine ganze „Bande“ therapeutischer Gegenüber, die die sich auf eins meiner Elemente konzentrieren.
Es ist dann nicht mehr allein mein gewählter Prozess-Faden, an dem alles entlanggeht unver­hoffte Gefühle kommen auf, und ich stehe verunsichert und bewegt an meiner Grenze, während die Anderen mit ermutigender und akzeptierender Haltung um mich herum sind und mir Zeit und Raum lassen.
Das ist der Moment, in dem ich entscheide, etwas mitzuteilen, was ich ursprünglich nicht wußte oder nicht wollte, oder ob ich es lasse. Die Freiheit habe ich jetzt. Dieser Freiraum ist nicht virtuell, er besteht aus mir und 4 Gemütern, die mir Beachtung schenken.
Ich habe mit Personen zu tun, nicht mit Instanzen, mit Geschwistern, nicht mehr mit Therapeuten. Ich bin nicht „in Therapie“, ich befinde mich mitten im momentanen lebendigen Leben. Das ist das Jetzt-und-Hier.
Und nicht das geistige Wort sondern das sinnliche Tun hat jetzt Vorrang. Was ich äußere, ist nicht mehr differenzierbar in Gefühle, Assozationen oder Gedanken. Ich bin mit mir und den Anderen im Vollkontakt, eine Mimik, ein Laut, eine Gebärde sagen alles, und Figur und Hintergrund sind nicht mehr zu unterscheiden.
Diese Befindlichkeit, die sich jetzt einstellt, ist tragend, und sie wirkt immer weiter nach, auch wenn ich nicht mehr im Fokus bin. Daraus ergibt sich noch etwas. Der tragende Vollkontakt – oder wie soll ich das nennen? -entlockt mir Äußerungen dieser oder jenem gegenüber, die ich sonst niemals gesagt hätte, ja, auf die ich überhaupt nicht gekommen wäre. Es entsteht eine Strömung von Ehrlichkeiten, Spiegelungen, Feedbacks, welche das gemeinsame Nahesein widerspiegeln. Ich sage: Ich habe viel mehr von dir empfangen, als du weißt und gegeben hast, allein durch dein Hiersein und wie ich dich hier erlebt habe. Ich habe gar nicht gewußt, daß ich solch ein Bedürfnis habe, mit einer Person wie dir unmittelbar zusammen zu sein, auch ohne Worte. Ich habe mich gut gefühlt, wenn ich deine geschickten Hände sah.“ Oder: „Ich erkenne in deinem Gesicht deine Jugend-Schönheit, von der du vorhin gesprochen hast, und zwar heute mit dem Ausdruck erntereifen Alters. Und, wichtig, das verwandelt meinen Blick, der dazu getrimmt ist, immerzu nach frühen Blüten zu suchen, in ein erwachsenes Auge, welches dich als tragfähige erwachsene integrierte Person erkennen kann.
Einerseits: die Interventionen in der Runde sind keine Therapie, sondern mehr Anvertrauen und Beachten. Oder: Gestalt-Leben ist immer, von der therapeutischen Runde bis in jeden Moment des Zusammenlebens.
© Martin Goldstein 25. 03. 2003

Erlebnisbericht Hardy

Was passiert, wenn eine Gruppe Gestalttherapeuten Lebenszeit und Lebensraum miteinander teilen? Auf der Lehrtherapeutentagung des IGW im vergangenen Jahr hatte die Idee zu diesem Experiment großes Interesse gefunden und war für 2002 im Anschluss an die Tagung vom IGW organisiert worden. Von den ursprünglich sechs für dieses Experiment angemeldeten Personen war eine kleine Schar von vier „Aufrechten“ übriggeblieben. Deshalb nahmen wir die uns angebotene Improvisationslösung, den Ort des Geschehens in die Praxis von Eberhard Klietsch nach Miltenberg zu verlegen, dankbar an.
Wir hatten im Vorfeld keine Ahnung, ob die Kosten- Nutzenrelation – immerhin hatten wir als Freiberufler einen satten Verdienstausfall – im positiven Bereich lag. Kein Trainer, keine Struktur, aber wir hatten uns selbst mit unserer langjährig trainierten kommunikativen und therapeutischen Kompetenz.
Wir waren bereit, diese Kompetenzen, unsere Wünsche und Bedürfnisse, einzubringen und aufmerksam dafür zu sein, dass das Verhältnis von Geben und Nehmen im Gleichgewicht blieb. So kamen wir überein, eine Art heilende Umgebung zu schaffen, ähnlich wie wir sie sonst mit unseren Klienten realisieren. Dieses Mal jedoch ohne feste Rollen, sondern dynamisch wechselnd, sich aus dem Prozess ergebend.
Die Idee, unsere Träume, und zwar diejenigen, die wir unter dem gemeinsamen Dach während des Zusammenseins hatten, als richtungsweisend zu nutzen, erschien uns attraktiv. So begannen wir jeden Tag mit einem morgendlichen Traumforum. Ob es zu einer tieferen Bearbeitung oder bei einer bloßen Mitteilung blieb, entschieden die Träumenden selbst. Wir waren nicht überrascht, dass sich in sehr kurzer Zeit eine noch größere Intensität und Dichte einstellte, wie wir sie von einer üblicherweise moderierten Selbsterfahrungsgruppe kennen. Wir erkannten einen typischen Prozess wieder, der sich in einem therapeutischen Setting (Gestalt-Entwicklungsumgebung) in der Regel einstellt und ließen uns davon weitertragen.
Neu war jedoch, dass in dem von uns gewählten Rahmen Vertrauen und Nähe entstanden, die ein sehr tiefgehendes Arbeiten ermöglichte, ohne dass wir dazu einen Leiter oder einen Moderator brauchten. Der berühmte Satz: „Dont push the river, it flows by itself…“ bestätigte sich für uns als natürliche Erfahrung. Die Kompetenz dazu liegt ja bereits in uns, und in der Regel profitieren unsere Klienten davon. Warum lassen wir sie uns so selten uns selbst zugute kommen und nähren uns damit gegenseitig in einem gemeinschaftlichen Netzwerk? Wir gehen als Therapeuten in Supervision, diese kann auch kollegial stattfinden, also ohne Leiter als Intervision. Eher machen wir dort eine fallorientierte Arbeit und seltener unsere eigenen ganz persönlichen Belange und Konflikte zum Thema. Das traditionelle Modell der Kernfamilie, das die meisten von uns nach wie vor favorisieren, erweist sich im Alltag selten als Ressource für einen harmonisierenden Ausgleich.
Wenn wir es uns als Gestalttherapeuten zur Aufgabe machen, bei unseren Klienten auf die Homöostase ihrer seelischen Bedürfnisse zu achten, dann gilt das selbstverständlich auch für uns selbst. Burned out sind immer die anderen.
Dazu eine Gruppe oder eine Gemeinschaft von Menschen zu nutzen, die Gestalt leben, also sich gegenseitig umeinander bemühen, diese Möglichkeit ist eher selten. Zumindest ist sie wenig bekannt, bzw. es wird wenig darüber berichtet. Sie gehört jedoch ganz eindeutig zu den Wurzeln der Gestalttherapie, denn die ersten Gestalttherapeuten haben ihre Erfahrungen in einem solchen Kontext weitergegeben. Sie lehrten dort, wo sie lebten.
Fasziniert habe ich in diesen Tagen den Erzählungen gelauscht, die sich um das Erleben in Jim Simkins Haus in Big Sur drehten. Seine Familie mit all ihren Konflikten war lebendiger Hintergrund, der eine besondere Rollenflexibilität vom Lehrer wie von den Schülern verlangte und mich an mein erlebtes Lehrer-Schüler-Verhältnis während meiner Gestaltausbildung erinnerte. Etwas von dieser ursprünglichen Kraft der Gestalttherapie haben wir in diesen Tagen wiederbelebt. Mir hat das sehr gut getan.
© Hardy Dierks

Gestalt-Leben 2011

26. Juni 2011

Gestalt-Leben fand vom 23. bis 26. Juni zum 11. Mal im Tonhaus/Melpert statt. Petra van Eyck, die Frau unseres Gastgebers, ist im letzten Jahr kurz vor Weihnachten verstorben.
Wir kannten Petra seit Beginn unserer Treffen im Tonhaus als Seele des Hauses. Wir sind erschrocken und erschüttert, und es fällt uns schwer, diesen Verlust anzunehmen.
Und … das Leben geht weiter – das Gestaltsleben auch.

Dieses Mal waren wir sieben Teilnehmer. Seit vielen Jahren beginnen wir mit Aminas afrikanischem Gericht: U Galina Kuku Paka (Huhn in Soße).
Sinnlich, afrikanisch, lecker.  Das ist unser „warming up-awareness-ritual“: Wir senken unsere Hände gemeinsam in die dampfende Schüssel mit U Galina Kuku Paka und kommen uns beim Essen näher.

Am ersten Abend erzählen wir uns gegenseitig aus unserem Leben im vergangenen Jahr und knüpfen an das gemeinsam Erlebte an. Der gemeinsame Seelenraum beginnt sich zu entfalten.

Wir vertrauen uns wie in der Vergangenheit dem Weg an, den uns unsere Träume weisen. Wie in der Meditation geht es uns nicht darum, an einem bestimmten Punkt anzukommen, sondern gemeinsam in ein Awareness-Feld einzutreten, in dem sich das Selbst bei der Begegnung mit den anderen offenbart.

Dieses “reine Sein” lässt sich nicht aktiv hervorrufen, sondern tritt für einen wertvollen Moment in Erscheinung, zeigt sich und vergeht. Und es gibt keine Garantien. Mit jeder sich wiederholenden Erfahrung wächst unser Vertrauen, dass es immer wieder geschieht. Alle sind daran beteiligt. Deshalb kommen wir immer wieder zusammen.
Wie Robert Hall es ausdrückt: “To receive a thin wafer of understanding” Ein Prozess, dem wirklich nur poetische Metaphern gerecht werden.

Und wenn Wittgenstein sagte: “Worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen”, so sehen wir es im Glanz der Augen des Gegenübers, wenn dieses “reine Sein”  in den Vordergrund tritt und meine und deine Existenz offenbart.

Das ist für uns Gestalt-Leben.