Gestalttherapie

Als ich damit begann Gestaltgruppen zu leiten, machte ich wiederholt die Erfahrung, dass in der Vorstellungsrunde meistens jemand fragte, was das denn eigentlich sei: „Gestalttherapie“. In meiner Ausbildung hatte ich gelernt (vor ca. 35 Jahren) , dass eine solche Frage als intellektuelle Abwehr zu verstehen sei. Ich hatte mir damals ein ganzes Spektrum von Reaktionen zurechtgelegt, die mehr oder weniger konfrontativ deutlich machten, dass ich mich nicht auf Begriffsbestimmungen, Definitionen und Diskussionen einlassen wollte, sondern daran interessiert war, gemeinsam einen Rahmen für neue Erfahrungen zu schaffen.
“Gestalt” ist der Ausdruck eines neuen Lebensgefühls der therapeutischen Aufbruchsbewegung der späten sechziger Jahre. Ausgehend vom Epizentrum dieser Bewegung, der amerikanischen Westküste, erfasste dieses neue Lebensgefühl weite Teile der Psychologie, Philosopie, Literatur und Musik. Auf dem Hintergrund dieser historischen Aufbruchsstimmung  entstand ein neues Bewusstsein der Eingebundenheit allen Lebens in einen größeren ökologischen Zusammenhang.
In der Psychotherapie wendete sich der Fokus der Aufmerksamkeit weg von Krankheitsmodellen und Störungsbildern hin zu den Bedingungen von Entwicklung und Wachstum zum “authentischen Selbst”. Dieser Weg, das “Selbst” in den Vordergrund treten zu lassen und zu erfahren, geht über die Wiederbelebung der Gefühlswelt. F. Perls, einer der großen Protagonisten dieser Bewegung sprach von “organismischer Selbstregulation”.
Er hatte entdeckt, dass den seelischen Bedürfnissen analog den körperlichen eine zyklische Dynamik von der Wahrnehmung bis zum Vollzug zugrunde liegt. Die eigenen Gefühle als Indikatoren für Mangel und Sättigung wahrzunehmen und ihnen einen persönlichen Ausdruck zu verleihen, wurde zu einer Grundkompetenz für seelische Gesundheit.
Diese neue Orientierung glich einem Paradigmenwechsel, denn die Kontaktaufname mit der eigenen Gefühlsseite ist oft eine erschütternde Konfontation mit den inneren Konflikten und der persönlichen Geschichte. Sie ist deshalb von erheblichen Widerständen begleitet. Die ursprünglichen Gestalttherapeuten arbeiteten teilweise mit sehr konfrontativen Methoden, um diesen Zugang zu ermöglichen und handelten sich damit die Kritik der akademischen Wissenschaft ein. Inzwischen hat sich diese Kritik in das Gegenteil gewandelt: Die etablierten therapeutischen Schulen haben sich die innovative Kraft und Methodik der Gestalttherapie zu eigen gemacht und heute betonen alle die Bedeutung der therapeutischen Beziehung.
Aus meiner Sicht ist es ein Verdienst der Gestalttherapie, das wirksame Spannungsfeld von gekonnt eingesetztem “Support” und “Frustration” als entscheidende Variable für das persönliche Wachstum zu verstehen. Dabei ist es die Kunst des Therapeuten, den Klienten zum eigenen Arbeiten zu bringen. Diese Arbeit findet im Rahmen einer tragfähigen “Ich-Du-Beziehung” statt, in der der Therapeut/in zu einem erfahrbaren Gegenüber wird.
Diese Arbeit an sich selbst liegt allen Entwicklungsprozessen zugrunde. Ob es sich dabei vom Setting her um Therapie, Coaching oder Supervision handelt spielt dabei eine untergeordnete Rolle.